Die „Schnauze“ von Favoriten steht offen!

Fassadendetail
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Erstmals seit über einem Jahrzehnt ist das denkmalgeschützte Hauptwerk von Günther Domenig in Wien wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Außenansicht
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Rechtzeitig zu den diesjährigen, zahlreichen Gedenk- und Ausstellungsveranstaltungen über den Architekten Günther Domenig konnten die Instandsetzungsarbeiten in der ehemaligen Bankfiliale im Domenig-Haus in Wien-Favoriten abgeschlossen werden.

Vor zehn Jahren, am 15. Juni 2012, verstarb Günther Domenig im Alter von 77 Jahren. Sein umfangreiches, einzigartiges architektonisches Schaffen beeindruckt auch heute noch. Neben dem nun wieder zugänglichen Domenig-Haus in der Favoritenstraße 118 ist in Wien besonders das von Domenig geplante, schiffsähnliche T-Center in St. Marx, das größte Bürogebäude Österreichs, bekannt. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Domenig für sein 2001 eröffnetes Nürnberger Museum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

In Wien wurde Domenig durch die 1975 bis 1979 entstandene Filiale der Zentralsparkasse in der Favoritenstraße im 10. Wiener Gemeindebezirk - heute Domenig-Haus genannt - bekannt. Leopold Gratz war damals Bürgermeister und Helmut Zilk war Kulturstadtrat. Zum Domenig im Jahr 1989 verliehenen Preis der Stadt Wien für Architektur gratulierte Zilk persönlich.

Domenigs künstlerische, eigenwillige und unkonventionelle Gestaltung durch das Mischen von scheinbar unterschiedlichen Kategorien wie High-Tech und organisch war besonders für ein Bankgebäude ungewöhnlich. Die auch heute noch auffällige Metallfassade war damals in den Bauplänen als „Schnauze“ bezeichnet. Die Fassade scheint zwischen den Nachbargebäuden eingequetscht zu sein. Domenig setzte bewusst mit ihrer außergewöhnlichen Form einen Kontrapunkt zur belebten Einkaufsstraße.

Innenansicht
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Aber nicht nur die Form war damals neu, sondern auch die innovative Bauweise der Hängekonstruktion. Die oberen Stockwerke hängen nämlich an Kragarmen, ähnlich dem etwas zuvor fertiggestellten, berühmten BMW-Turm von Karl Schwanzer in München. Der besondere Charakter manifestiert sich auch in den sichtbar geführten haustechnischen Leitungsführungen, wie sie auch beim zeitgleich entstandenen Centre Pompidou in Paris zu finden sind.

Domenigs „Z-Bank“ nimmt in der Entwicklung seiner Bauten eine besondere Stellung ein. Domenig habe es "den Wienern zeigen wollen". In Wien begann sich damals gerade die Postmoderne auszubreiten.

„Das umfassend erhaltene Gebäude stellt mit seiner ästhetischen Gesamtkonzeption und organischen Struktur ein Schlüsselwerk in der österreichischen Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar“, meint Wolfgang Salcher vom Landeskonservatorat für Wien. „Ich bin froh, dass ich im Jahr 2005 an der Unterschutzstellung des Domenig-Hauses mitwirken konnte.“

Nach 25 Jahren zog die Bank im Jahr 2004 aus. Günther Domenig führte im Juli 2004 noch persönlich im Rahmen einer ÖGFA-Bauvisite durch das kurz vor Schließung stehende Bankgebäude. Danach war die spektakuläre Bankfiliale lange Zeit nicht mehr allgemein zugänglich. Erst durch den neuen Pächter Kent GmbH und die damit einhergehende Nutzung als Speiselokal öffnete sich das Haus wieder der Öffentlichkeit.

Die neue Nutzung kommt nicht nur in der gastronomisch interessierten Szene gut an, sondern auch unter Architekturinteressierten. „Endlich ist das Domenig-Haus wieder für alle zugänglich“, freut sich Sylvia Schönolt, die seitens des Bundesdenkmalamtes das Projekt betreute.

Innenansicht
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Der Planungsprozess für das Verwandeln einer Bankfiliale in ein Speiselokal war aufwändig, weil viele Anforderungen unter einen Hut zu bringen waren, sowohl von Behördenseite als auch von Nutzerseite. Aus Sicht des Bundesdenkmalamtes resümiert Schönolt, dass durch die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Pächter für alle Herausforderungen zufriedenstellende Lösungen gefunden wurden.

Die Räume der Bankfiliale wurden entsprechend der neuen Verwendung geschickt adaptiert. So wird man im Eingangsbereich unter der „Schnauze“ rechts an Buffet und Schauküche vorbeigeführt und schlängelt sich über die mit Steinplatten verkleideten Stufen und mit dunkelrot lackierten Handläufen versehene Stiege nach oben und unten in die ehemaligen Kundenbereiche, wo nun die Gäste bewirtet werden. Im ehemaligen Banksafe im Untergeschoß befindet sich eine der Küchen.

Innenansicht mit Rohren
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Im Rahmen der Planungsvorbereitung und vor der Ausführung wurden zahlreiche Bauteile aus Metall restauratorisch untersucht und beschrieben, wie die Elemente instandzusetzen sind. Bei der Untersuchung des Bestandes kam Faszinierendes heraus: Die im Gebäude verwendeten Rottöne waren keinesfalls gleich, sondern von Günther Domenig offenbar sehr differenziert und bewusst für die einzelnen Objektgruppen ausgesucht worden. Diese Farbtöne wurden bei Ausbesserungen retuschierend verwendet oder, wenn nicht anders möglich, dem Bestand entsprechend erneuert.

Am skulptural gestalteten Eingangsportal aus Stahl arbeitete Domenig höchstpersönlich mit; die transparente Erstbeschichtung konnte mitsamt den Arbeitsspuren und der Patina erhalten werden. Auch die plastisch geformte Fassade aus Edelstahlblechen wurde schonend, ohne Schleifspuren zu hinterlassen, gemäß Befund gereinigt.

Innenansicht mit großer Hand
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Das Lüftungssystem mit den an den Decken und Wänden montierten, sich in alle Richtungen windenden Aluminiumrohren konnte repariert werden und wurde durch neue Leitungen, die für die Küche nötig sind, ergänzt.

Die rohen Sichtbetonflächen im Inneren wurden restauratorisch voruntersucht, um die Schritte der Sanierung und der Oberflächenreinigung festlegen zu können. Besonders sorgfältig wurde dann der Bereich rund um die riesige „Hand des Architekten“ an einer der Wandflächen behandelt – die Hand Domenigs, die das Gebäude stützt.

Die in die Jahre gekommenen, zerschlissenen roten Kunstlederpolster auf den in die Architektur integrierten, betonierten Bänken wurden originalgetreu erneuert und manche Rasterleuchte unter dem roten Dachtragwerk ergänzt. Selbst der Brunnen im unteren Halbstock wurde reaktiviert und das Wasser fließt nun wieder gemächlich hinter einer rot gepolsterten Sitzbank vorbei.

Innenansicht
Foto: Bundesdenkmalamt, Foto: Bettina Neubauer-Pregl

Im Lokal finden auch Veranstaltungen und Vorträge statt. Die Pressekonferenz von Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer und vom Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser zu den heurigen Ausstellungsschwerpunkten rund um das Werk Günther Domenigs fand im Mai passenderweise im Wiener Domenig-Haus statt. In einem kürzlichen Ranking der TOP 10 der interessantesten und seltsamsten Gebäude in Wien kommt, neben dem Hundertwasserhaus und den Gasometern, auch das Domenig-Haus als beliebtes Gebäude vor.

Da Domenigs Innenraumgestaltung in ihrer Expressivität den gewölbten und plastisch verformten Metalloberflächen der Außenerscheinung um nichts nachsteht, ist ein Besuch deshalb nicht nur gastronomisch zu empfehlen. Die unvergleichliche Architektur des Stararchitekten Günther Domenig trifft auf die unvergleichliche Küche des Morgenlandes.