Jänner 2022

Der Goldschatz von Ebreichsdorf (Niederösterreich)

Goldschale
Boden der Goldschale mit radförmigem Dekor Foto: Novetus GmbH/ÖBB

Über Jahrtausende lag die bronzezeitliche Siedlung unentdeckt unter dem Mittleren Feld. Es gab keine Zufallsfunde an der Oberfläche, keine Luftbildaufnahmen, die verdächtige Veränderungen des Pflanzenwuchses gezeigt hätten - nichts wies auf sie hin. Bis die Österreichischen Bundesbahnen beschlossen, die Pottendorfer Linie auszubauen.

Bei Großvorhaben dieser Art sind archäologische Voruntersuchungen nötig. Sie müssen sorgfältig geplant und in mehreren Stufen durchgeführt werden: Ziel ist es, die von unseren Vorfahren hinterlassenen Spuren auszugraben und zu dokumentieren, ohne den Ablauf der Bauarbeiten zu verzögern. Seit 2014 arbeitet die Firma Novetus daran, Verdachtsflächen zu definieren und zu untersuchen – in der Flur Mittleres Feld wurde sie spektakulär fündig.

Eine große Siedlung der späten Bronzezeit, rund dreitausend Jahre alt, mit mehreren Wohnhäusern und einem hallenartigen Gebäude, das als Versammlungsort genutzt worden sein könnte. Viele Funde, darunter 51 Kisten voll Keramik, aus deren stilistischen Unterschieden die Archäolog:innen schließen können, dass die Siedlung wohl über einen längeren Zeitraum genutzt wurde. Und die Sensation: ein Goldhort, bestehend aus einer kunstvoll verzierten Schale, Spiralen und einem Gespinst aus feinem Draht, das der Überrest eines golddurchwirkten Textilstückes sein dürfte.

Die Schale ist in Mitteleuropa einzigartig. Man hat vergleichbare Stücke im südlichen Skandinavien gefunden und in Norddeutschland – hatte unsere Siedlung Handelsbeziehungen in diesen Raum? War die Schale vielleicht sogar ein diplomatisches Geschenk? Oder handelt es sich um ein Kultobjekt, wofür auch die kreis- und sternförmigen Motive des Dekors sprechen, die mit einem Sonnenkult in Verbindung gebracht werden können?

Die Funde werden nun wissenschaftlich untersucht – man möchte unter anderem wissen, woher das Gold stammt, was sich durch chemische Analysen herausfinden lässt – , mit Hilfe des Bundesdenkmalamtes restauriert, und dann wird die Eigentümerin ÖBB den Goldschatz im Naturhistorischen Museum der Öffentlichkeit zugänglich machen.