Oktober 2022

Pfarrkirche Arzl im Pitztal - Blick in den Chor zum Hochaltar. Das zentrale Glasfenster mit der Darstellung der Kirchenpatrone bildet gleichzeitig das Hochaltarbild.
Blick in den Innenraum gegen den Chor nach der Restaurierung. Foto: Bundesdenkmalamt, Michaela Frick

Die Pfarrkirche Arzl im Pitztal: Restaurierung eines Tiroler Jugendstiljuwels

Die Pfarrkirche in Arzl im Pitztal gehört mit den Pfarrkirchen Roppen und Reith bei Seefeld, der Wallfahrtskirche Locherboden sowie der Friedhofskapelle von Hall in Tirol zu den einzigen Sakralbauten in Tirol, die im Jugendstil ausgestattet sind. Nach der Neueindeckung des Daches mit Lärchenschindeln konnte ab 2021 mit der Innenrestaurierung begonnen werden.

Im Zuge der Restaurierung wurde eine archäologische Grabung durchgeführt. Es konnten insgesamt vier Vorgängerbauten nachgewiesen werden. Bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts gab es eine kleine Saalkirche mit Halbrundapsis. Von der langen Entstehungsgeschichte des Kirchenbaus zeugen heute noch der gotische Turm mit der kreuzgewölbten alten Sakristei aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die barocke Zwiebelhaube, die vom Imster Rokokomaler Joseph Jais geschaffenen Kreuzwegstationsbilder an der Außenfassade oder ein im Zuge der Restaurierung freigelegtes Sichtfenster zu einem Wandbild an der Presbyteriums-Südwand, das stilistische ebenfalls Joseph Jais zugeschrieben werden kann.

In der Mittelachse, am Übergang vom Schiff zum Chorbereich, wurde ein Innengrab aufgefunden, das in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert werden kann. Der bestattete männliche Erwachsene dürfte der lokalen Elite angehört haben. Der Status des Bestatteten wird nicht zuletzt durch die Beigabe eines Kurzschwertes bzw. Hiebmessers und eines Eisenmessers angezeigt. Die dem Adel vorbehaltene Waffenbeigabe ist bisher in den Tiroler Kirchen noch kaum nachgewiesen. Der herausragende Fund wird derzeit im Rahmen eines Projektes in der Abteilung Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes restauriert.

Die letzte Erweiterung des heute bestehenden Kirchenbaus fand Mitte des 18. Jahrhunderts statt. Das den ersten Bischöfen der Diözese Brixen Ingenuin und Albuin geweihte Gotteshaus wurde im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach verändert und entsprechend dem Zeitgeschmack künstlerisch ausgestaltet. Der Innenraum wird heute durch diese ab 1875 durchgeführte Umgestaltung geprägt. Die im neuromanischen Stil ausgeführte Ausstattung besteht aus dem Hochaltar, zwei Seitenaltären und einer Kanzel nach Plänen des Münchner Architekten Johann Margraff.

Eine Besonderheit stellt das Hochaltarbild dar, denn das Apsisfenster mit einer Darstellung der Kirchenpatrone in Anbetung der Madonna, ausgeführt von der Tiroler Glasmalereianstalt, dient gleichzeitig als Hochaltarbild.

1907 wird die Kirche durch den Tiroler Maler Emanuel Raffeiner (1881-1923) ausgemalt. Raffeiner, der über das zu seiner Zeit übliche Formenvokabular der Nazarenermalerei hinausgeht, ist in der Kunstentwicklung Tirols auf dem Weg zur Moderne von großer Bedeutung. Er zählt zu den vier Jugendstilmalern Tirols und wird zum führenden Repräsentanten dieser Stilrichtung, die mit der malerischen Ausstattung von Arzl im Pitztal erstmals in einer Tiroler Kirche Eingang findet.

Dem Zeitgeist entsprechend wurde bei der Innenrestaurierung in den frühen 1970er Jahren die Dekorationsmalerei an den Wänden übertüncht, was zu einer Verunklärung des  künstlerischen Gesamtkonzepts führte. Mit der Neugestaltung des Presbyteriums durch Architekt Helmut Dreger 2005 kam es - neben der Errichtung eines neuen Volksaltars und eines neuen Ambos - durch Verlegung eines Holzbodens auch zur Anhebung des Raumniveaus.

Ziel der aktuellen Innenrestaurierung war es, den geschlossenen, von Historismus und Jugendstil gleichermaßen geprägten Gesamteindruck der Kirche wiederherzustellen. Die als Fresko ausgeführten bildlichen Malereien der Decke wurden gereinigt und in Aquarelltechnik ausgebessert sowie die in Secco in Leimfarbentechnik ausgeführte Dekorationsmalerei befundet und ergänzt.

Die Arbeiten an der künstlerischen Ausstattung (Hochaltar, Seitenaltäre, Kanzel, Stationsbilder) umfasste die Reinigung, Ausbesserung und Neuvergoldung. Das Hauptportal wurde als zweiflügelige Rahmenfüllungstür aus Lärchenholz neu gefertigt; alle übrigen aus der Barockzeit stammenden Türen restauriert und in Leinöl nach Befund gefasst. Bei den Glasmalereifenstern (1908 bis 1910), die zum künstlerischen Gesamtkonzept der Kirche gehören, war eine Reinigung und Restaurierung der Verbleiung vorgesehen.

Die Restaurierung umfasste auch die alte Turmsakristei und die neue Sakristei aus dem 18. Jahrhundert. Die alte Turmsakristei konnte von späteren Einbauten befreit und minimalistisch als Aussprachezimmer adaptiert werden. In der neuen Sakristei wurden der historische Dielenboden freigelegt und ergänzt sowie das historistische Mobiliar gereinigt. Die Reinigung und Konservierung der Stationsbilder an der Außenfassade bildete den Abschluss der Restaurierungsmaßnahmen.

Volksaltar, Ambo und Taufbecken wurden in zeitgenössischer Gestaltung aus Beton gefertigt. Der aus einem Betonblock ausgeschnittene Taufstein nimmt mit dem schlichten Messingdeckel Bezug zum bestehenden Volksaltar und Ambo, die sich bestens in den neu gestalteten Innenraum eingliedern. Modern gestaltet ist auch die Eingangszone mit einer als Windfang dienenden Verglasung.

Die Gesamtrestaurierung wurde am 11. September 2022 mit einer Bischofsmesse und der Segnung der neu gestalteten Bereiche zu einem feierlichen Abschluss gebracht.