200 Jahre Wiener Stadttempel. Ein Grund zum Feiern.
Wiedereröffnung der Synagoge in der Seitenstettengasse nach der Restaurierung
1826 wurde der Wiener Stadttempel der jüdischen Gemeinde feierlich eröffnet. Pünktlich zu seinem 200-Jahr-Jubiläum wurde im September 2026 eine umfangreiche Renovierung abgeschlossen, die von KENH Architekten in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt geplant und erfolgreich umgesetzt wurde.
Der Stadttempel in der Wiener Seitenstettengasse zählt zu den Hauptwerken des Architekten Josef Georg Kornhäusel (1782 - 1860), des berühmtesten klassizistischen Architekten Österreichs, der vorwiegend in Wien und Niederösterreich tätig war. Den Bauvorschriften Anfang des 19. Jahrhunderts gehorchend, plante er die Synagoge nicht sichtbar von der Straße im Hof hinter einem Zinshaus in der Inneren Stadt (heute Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Gemeindezentrum). Die baubehördliche Bewilligung der Planung Kornhäusels erfolgte im Dezember 1823, am 9. April 1826 wurde der Stadttempel feierlich eröffnet. Als einzige Synagoge in Wien überstand er die Novemberpogrome 1938 fast unbeschadet, denn aufgrund seiner Lage im Innenhof im dicht bebauten Häusermeer wurde er nicht in Brand gesteckt. Perfide dabei war, dass ein Brand die Matriken (die offiziellen Verzeichnisse von Personen) gefährdet hätte, was die Nazis nicht wollten – sie wollten über die jüdischen Bürger:innen in Wien Bescheid wissen.
Seit seiner Errichtung wurden der Stadttempel und seine Nebenräume immer wieder Umbau- und Renovierungsphasen unterzogen. Der neueste Jahresring stammt nun vom Büro KENH Architekten ZT GmbH, das 2005 von Kim Tien, Eric-Emanuel Tschaikner und Natalie Neubauer-Muzicant gegründet wurde. Ihre Aufgabe war es, für die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Wien den Eingangsbereich und den Hauptraum der Synagoge barrierefrei zu erschließen, Haustechnik, Brandschutz, Raumklima und Akustik zu verbessern, alle nötigen Funktionen für das lebendige Gemeindeleben unterzubringen und die damit einhergehenden Sanierungsarbeiten zu planen. Dabei war die Berücksichtigung des Denkmalschutzes ein wichtiges Anliegen für die Israelitische Kultusgemeinde und für die Architekt:innen. Alles unter einen Hut zu bringen gelang tatsächlich hervorragend!
Die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten waren Großteils akribisch vorbereitet worden, und was unvorhergesehen im Zuge des Baufortschritts zutage trat, wurde gestalterisch und substanziell in der Planung berücksichtigt. So der großartige Fund des originalen Steinfußbodens auf der Bima oder in der Vorhalle. Alle Arbeiten wurden sorgfältig und fachkundig von Firmen und Restaurator:innen mit großem Engagement ausgeführt. Eine neue Bestuhlung und Möblierung, neue Bodenbeläge und Wandverkleidungen des Betraumes sowie die zeitgemäße Ausstattung der für den Synagogenbetrieb erforderlichen Neben- und Vorräume sind sichtbare, starke Zeichen des Projekts. Subtil sind die kleinen Veränderungen und Restaurierungen, die das denkmalpflegerische Auge erfreut.
Nach gut 10 Monaten intensiver Bauzeit konnte der Stadttempel am 16. September 2026 um 17:00 in einem feierlichen Festakt wieder eröffnet werden. Die Künstlerin Timna Brauer führte durch das einstündige Programm, Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen durchschnitt als Geste der Eröffnung das rote Band auf der Bima, berührende und in die Vergangenheit und in die Zukunft blickende Reden hielten Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oberrabbiner Jaron Engelmayer, Dr. Christian Stocker, österreichischer Bundeskanzler, und Dr. Michael Ludwig, Bürgermeister der Stadt Wien. Untermalt wurde dieses Ereignis von Kantor Shmuel Barzilai, dem Tempelchor mit Klavierbegleitung und einem Kinderchor.
Die gesamte Feier wurde live auf ORFIII übertragen und steht auf ORF-ON noch bis 15.12.2026 zur Verfügung.
https://on.orf.at/video/14339211/die-wiedereroeffnung-des-wiener-stadttempels
Am Tag zuvor wurde in der Reihe „Erbe Österreich“ eine aktuelle Dokumentation über den Stadttempel und die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Wiens ausgestrahlt: Die Wiener Tempel-Story. In diesem Film von Christian May kommen die unterschiedlichsten Personen zu Wort, auch Sylvia Schönolt vom Landeskonservatorat für Wien, für das Bauprojekt zuständige Referentin im Bundesdenkmalamt.
Der Film ist auf ORF-ON bis 14.3.2027 verfügbar.
https://on.orf.at/video/14339105/erbe-oesterreich-die-wiener-tempel-story
Wer mehr über die Geschichte des Stadttempels und das Projekt erfahren möchte, dem sei die Festschrift über den Stadttempel im Brandstätter Verlag ans Herz gelegt: https://www.brandstaetterverlag.com/buch/200-jahre-wiener-stadttempel/
Wer seinen Brief stilvoll frankieren möchte, greift zur Sonderbriefmarke der österreichischen Post:
https://onlineshop.post.at/de-AT/produkt/sm-200-jahre-wiener-stadttempel-200-0226460
Und wer ein elegantes, einzigartiges Trinkglas – den Stadttempelbecher – mit Spendenzweck sucht, wird bei Lobmeyr fündig:
https://www.lobmeyr.at/de/product/lobmeyr-glas-geschenksartikel-biedermeierbecher-sonderdekor-wiener-stadttempelbecher/
Mazel tov!